Kapitalanlage in Zeiten der Zeitenwende

Kapitalanlage in Zeiten der Zeitenwende

von Jochen Hägele Event

Allen geopolitischen Krisen zum Trotz profitieren Kapitalanleger von hohen Zinsen und robusten Kapitalmärkten. Das Investorenpanel beim FAROS Investoren Summit 2026 zeigte, wo Anleger Chancen nutzen und welche Risiken sie auf dem Radar haben.

Während sich die regelbasierte Weltordnung auflöst und die Ölpreise durch die Decke gehen, bleiben institutionelle Investoren erstaunlich entspannt. Versicherer und Versorgungswerke profitieren in der Kapitalanlage von hohen Zinsen und robusten Kapitalmärkten. Das zeigte das Investorenpanel des diesjährigen Faros Investoren Summit. Investoren und Asset Manager gaben dabei Einblick, wie sie ihre Portfolios durch ein Umfeld steuern, in dem außen- und innenpolitische Schocks, KI-Sorgen und Staatsverschuldung die Schlagzeilen dominieren. Die Gäste auf dem Podium waren Dr. Peter Andres, Sprecher der Geschäftsführung der Signal Iduna Asset Management (SIAM), Dr. Guido Bader, Vorstandsvorsitzender der Stuttgarter Versicherungsgruppe und stellvertretender Vorsitzender der Süddeutschen Krankenversicherung (SDK), Werner Schneider, Vorstandsmitglied bei der Soka-Bau Wiesbaden und Yves Ceelen, Co-CEO bei Degroof Petercam Asset Management (DPAM). Die Runde moderierte Uwe Rieken, Gründer und geschäftsführender Gesellschafter von FAROS Pension & Asset Advisory.

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© FAROS Pension & Asset Advisory / Mert Rüttermann

Setze den Takt für das prominente Abschlusspanel: Sicherheits- und Verteidigungsexpertin Prof. Dr. Nicole Deitelhoff.

Den Takt hatte bereits die Vorrednerin Professor Dr. Nicole Deitelhoff vom Leibniz-Institut für Friedens- und Konfliktforschung vorgegeben, die in ihrem Vortrag den rapiden Zerfall der weltweiten Kooperation schonungslos skizzierte. Doch obwohl die regelbasierte weltpolitische und weltwirtschaftliche Ordnung immer weiter aus den Fugen geraten, steuern die Asset Owner ihre Portfolios stetig weiter. Und das mit gutem Grund: Denn trotz des geopolitischen Chaos beweisen die Finanzmärkte Widerstandskraft, was sich etwa in den jüngsten Rekordständen zahlreicher Aktienindizes widerspiegelt. Für SIAM-Geschäftsführer Peter Andres ist das kein Widerspruch. „Geopolitische Krisen machen Kapitalanlagen im Regelfall gar nicht so viel aus“, sagt Andres und verweist auf  die starken Gewinne der meisten Unternehmen. Vielen Firmen gehe es glänzend. Ganz vom Radar verschwindet die Geopolitik natürlich dennoch nicht, sagt Andres. Bereits jetzt stelle schließlich der Ölpreisanstieg infolge des Konflikts in der Golfregion eine wirtschaftliche Belastung dar. Im unwahrscheinlichen Fall, dass der Ölpreis über 200 Dollar je Fass steigt, sei das ein klares Tail-Event für die Weltwirtschaft.

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© FAROS Pension & Asset Advisory / Mert Rüttermann

Lässt sich auch von geopolitischen Krisen nicht vom Kurs abbringen: Dr. Peter Andres, Sprecher der Geschäftsführung der Signal Iduna Asset Management.

„Wir können super anlegen“

Vom Kurs abbringen lässt sich Andres durch solche Unwägbarkeiten aber nicht. Die wichtigste Grundregel der Kapitalanlage – solide und diversifiziert – gelte sowieso in jedem geopolitischen und wirtschaftlichen Umfeld. Das Asset-Management der Assekuranz-Branche sieht Andres in der Hinsicht gut und diversifiziert aufgestellt mit hohen Portfoliogewichten in qualitativ hochwertigen Staatsanleihen und Pfandbriefen. Auch bei der SIAM investiert man im ALM-Portfolio konsequent solide und langfristig, während im Fondsbestand in begrenztem Ausmaß auch opportunistische Chancen wahrgenommen werden. Gute Gelegenheiten sieht Andres derzeit am Euro-Rentenmarkt, die hohen Zinsen seien für langfristige Kapitalanleger „ein Segen“. „Wir können super anlegen“, so Andres.

Ganz ähnlich sieht das Guido Bader. Das Renditeniveau sei attraktiv, wenn auch im historischen Vergleich gar nicht so hoch, wie viele denken, so der Vorstandsvorsitzende der Stuttgarter Versicherungsgruppe. Noch bis in die 1990er Jahre hinein seien Renditen von sieben Prozent und darüber schließlich der Normalfall gewesen. Klar ist für ihn aber: Obwohl die Welt in kompletter Aufregung ist, seien die Kapitalmärkte total entspannt. Blinder Aktionismus sei daher fehl am Platz, sagt Bader: „Es zeigt sich keine klare Tendenz, wohin die Reise geht und daher macht es keinen Sinn, den Tanker nach links oder rechts zu schieben, sondern erst mal kontinuierlich Kurs zu halten.“ Die Wirtschaft verdiene glänzend und man versuche, an den Erträgen zu partizipieren und das Asset-Buch kontinuierlich weiterzufahren. Dabei bleiben die Stuttgarter in der Anlage flexibel und beobachten die weltweiten Entwicklungen.

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Will (geo-)politische Umstände nicht überbewerten: Werner Schneider, Vorstandsmitglied bei der Soka-Bau Wiesbaden (links).

„Auftrag der Kapitalanlage ist losgelöst von politischen Begebenheiten“

Dass Politik nicht zu sehr in Anlageentscheidungen hineinspielen sollte, meint auch Soka-Bau-Vorstand Werner Schneider. „Unser Auftrag in der Kapitalanlage ist losgelöst von politischen Begebenheiten, die uns wahrscheinlich allen nicht besonders schmecken“, so Schneider. Das gelte natürlich auch im Hinblick auf den Umgang mit den USA unter Donald Trump. „Könnten wir es uns als institutionelle Investoren denn überhaupt erlauben, auf Investitionen in den USA als wichtigster Weltwirtschaftsmacht zu verzichten?“, fragt Schneider. Seine Antwort ist ein klares Nein. Statt auf jede Stimmungsänderung mit Umschichtungen zu reagieren, müsse eine sauber abgeleitete strategische Ausrichtung auch durchgezogen werden. Diversifikation sei dabei der Schlüssel zum Erfolg: „Wenn ich breit diversifiziert aufgestellt bin, bin ich für jedes Momentum vorbereitet.“ Dass die Zinsen gerade hoch sind, ist für ihn eher ein taktischer als struktureller Effekt. Auf einer guten Portfolioaufstellung könne man sich gleichwohl nicht ewig ausruhen: „Ich muss mir schon immer die geopolitischen Umstände anschauen im Hinblick auf mögliche Anpassungen der SAA“, so Schneider. Klar sein aber: Das ‚Sprichwort hin und her macht Taschen leer‘ gelte auch in der institutionellen Kapitalanlage.

Doch der politische Geduldsfaden hat auch ein Ende.  Im Gegensatz zu den USA hat sich die Soka-Bau in den vergangenen Jahren weitgehend von chinesischen Anlagen verabschiedet. Im Fall China habe das aber weniger mit einzelnen Personen zu tun als mit der Gesamtlage, etwa im Hinblick auf den Umgang mit ausländischen Investoren, aber auch einzelnen ESG-Aspekten. Den Raum Asien-Pazifik hält er als Investitionsziel gleichwohl für wichtig, man konzentriere sich jedoch stärker auf die anderen asiatischen Schwellenländer und speziell bei Immobilien etwa auf Australien.

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© FAROS Pension & Asset Advisory / Mert Rüttermann

Hält weiterhin an Private Markets fest: Dr. Guido Bader, Vorstandsvorsitzender der Stuttgarter Versicherungsgruppe und stellvertretender Vorsitzender der Süddeutschen Krankenversicherung (SDK).

Höheres Renditepotenzial von Aktien nutzen

Auch Aktien gehören für Schneider zu einer langfristigen SAA dazu. Den Aktienanteil hat die Soka-Bau seit der Globalen Finanzkrise 2008 deutlich auf rund 20 Prozent ausgebaut. Die kurzfristigen Schwankungen am Aktienmarkt nehme man dabei in Kauf, sagt Schneider. Entscheidend sei, dass man über einen langen Zeitraum höhere Renditen erziele als mit einem reinen Staatsanleihenportfolio. „Und das ist auch unsere Aufgabe im Sinne unserer Versicherten“, so Schneider.

Private Assets können Stabilität bringen

Ein wichtiges Anlagethema für die Investoren bleiben die Private Markets, wo es zuletzt bekanntlich nicht nur positive Nachrichten gab. Guido Bader sieht in der Vereinnahmung von Illiquiditäts- und Komplexitätsprämien interessante Möglichkeiten. Gerade zur langfristig ausgerichteten Passivseite passe die geringe Volatilität der Private Markets sehr gut, so der Vorstandsvorsitzende. Zusammen mit den zeitversetzten Bewertungen könne dies das Portfolio wirksam stabilisieren. Auch bei der Soka-Bau mit einem starken positiven Cashflow bieten Private Assets naturgemäß interessante Anlagemöglichkeiten. Entscheidend sei natürlich die zu vereinnahmende Prämie, so Schneider. In Real Estate investiert man sowohl in der Eigenanlage als auch über Fondslösungen. Im Zuge der breiten Diversifikation kommen dazu auch Infrastruktur und Private Equity.

„Steigende Staatsverschuldung ist eine Sollbruchstelle“

Trotz robuster Märkte und hoher Zinsen gibt es natürlich auch Risiken. Die steigende Staatsverschuldung sieht etwa Bader als potenzielle Sollbruchstelle, die in eine Finanzkrise nie dagewesenen Ausmaßes führen könnte. Ob und wann ein solcher Kipppunkt aber erreicht wird, lässt sich gleichwohl kaum vorhersagen. Der Vorstandsvorsitzende der Stuttgarter Versicherung hinterfragt auch das künftige Verhältnis von politischer und wirtschaftlicher Macht. Bereits heute seien die Gewinne einiger Mega-Caps schließlich größer als das Brutto-Inlandsprodukt (BIP) der meisten Volkswirtschaften. „Ich bin mir nicht sicher, ob die größten Big-Tech-Firmen in Zukunft vielleicht eine ganz andere Rolle spielen und ganz anders auf die Politik einwirken“, so Bader.

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© FAROS Pension & Asset Advisory / Mert Rüttermann

Sieht die Energieversorgung als größtes Risiko der aktuellen geopolitischen Situation: Yves Ceelen, Co-CEO bei Degroof Petercam Asset Management.

DPAM-Co-CEO Yves Ceelen denkt bei Risiken vor allem an den „weltweiten Kampf um günstige Energie“ und die steigenden Energie- und Lebenshaltungskosten. Nur weil die hohen Energiepreise die Konjunktur bisher noch nicht voll getroffen haben, sei das keine Garantie für die Zukunft. Der Anlageexperte ist überzeugt, dass die Inflation noch längere Zeit  über den Zielniveaus der Notenbanken bleiben wird. Er rät Investoren dazu, potenziell höhere Teuerungsraten in der Portfoliogestaltung zu beachten. Dabei denkt Ceelen unter anderem an Real Assets wie Gold und inflationsindexierte Anleihen. Überraschenderweise preisen gerade die inflationsindexierten Anleihen momentan keine besonders hohen Inflationsängste ein. Die aktuellen Breakeven-Inflationsraten von derzeit 2,2–2,3 Prozent je nach Zeitraum im Euroraum sind nach Einschätzung von Ceelen aber durchaus realistisch gemessen am Ausblick. Neben Inflationsschutz würden die Anleihen aber auch zusätzliche Diversifikation ins Portfolio bringen.

Das erhöhte Zinsniveau hat auch potenzielle Folgen für das Rentenversicherungs-Geschäft. Laut Bader ist das für Kapitalanleger relevante Storno mit Rückkauf und entsprechendem Liquiditätsabfluss aber weiterhin sehr moderat. Dagegen würde das Storno auf der Beitragsseite aus zwei Gründen zunehmen. Zum einen aufgrund steigender Insolvenzzahlen und dem einhergehenden Ende von Sparprozessen in der betrieblichen Altersvorsorge. Zum anderen im Zuge von Versicherungswechseln, die nach Einschätzung von Bader auch mit dem neuen Altersvorsorgedepot ein Thema bleiben.

Überhaupt beschäftigt die „Zeitenwende der Altersvorsorgesysteme“ die Branche: Die vorgeschlagene Einführung der kapitalgedeckte Komponente in der ersten Säule sowie die Altersvorsorgedepots in der privaten Säule dürften nach Einschätzung der Panelteilnehmer höchstens geringe Rückwirkungen auf die betriebliche Altersvorsorge haben, wenn die Beiträge der Arbeitgeber in die erste Säule steigen. Sie sehen die Pläne überwiegend positiv. „Die Vorschläge der Rentenkommission sind in Summe ein rundes Paket“, sagt Bader. Er meldet aber angesichts der politischen Lage große Zweifel an der vollständigen Umsetzung an.

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© FAROS Pension & Asset Advisory / Mert Rüttermann

Geopolitische Verschiebungen, demographische Entwicklung und KI: Das Abschlusspanel des diesjährigen FAROS Investoren Summit hatte einiges zu besprechen.

Auch die Altersvorsorge steht vor einer Zeitenwende

SIAM-Geschäftsführer Andres verbindet mit dem Altersvorsorgedepot (AVD) große Hoffnungen: Wenn die Menschen sich über Kapitalanlage Gedanken machen und erkennen, dass sie mehr für die eigene Vorsorge tun müssen, sei das gerade angesichts der hohen Anreize eine Initialzündung für langfristige Anlageprozesse: „Das ist grandios, eine absolute Zeitenwende.“ Nicht so sicher ist man sich auf dem Podium, ob und wie viel Geld die Branche letztlich mit dem AVD verdient, gerade angesichts der zuletzt genannten Preise von teils zehn Basispunkten für das Standarddepot. Allerdings dürfte der Großteil der Deutschen Beratung brauchen und eher Interesse an Garantieprodukten oder flexibleren Produkten haben, vermutet Andres. Das sei aber für zehn Basispunkte kaum zu haben. Trotzdem werde es am Ende für Anbieter wohl sehr schwer, wirklich Geld mit dem AVD zu verdienen, glaubt Andres. Chancen für Versicherer sieht Bader. Sie dürften vor allem die Varianten mit 80 oder 100 Prozent Kapitalgarantie anbieten mit Beratung, und gerade die Beratung brauchen seiner Meinung nach viele Menschen.

Mit KI gegen den Fachkräftemangel

Auch KI war natürlich Thema der Diskussionsrunde, wenn auch nicht zur zuletzt so häufig thematisierten Wahrscheinlichkeit  eines KI-Super-GAUs. Klar wurde aber, dass KI in den Unternehmen eine immer wichtigere Rolle einnimmt. So berichtete Andres von der SIAM, wo der Einsatz von KI aktiv gefördert wird. So bauen Mitarbeiter ihre eigenen KI-Agenten, die vor dem Einsatz intern abgenommen werden. „Wenn man KI einführt, muss man das Bottom-Up machen und den Menschen die Zeit geben, das zu nutzen und zu experimentieren“, sagt Andres. Dann erhöhe sich die Akzeptanz bei den Nutzern deutlich.

Bereits heute habe KI im Versicherungswesen umfassende Einsatzbereiche und beschleunige Prozesse, berichtet Bader. Momentan sehe man vor allem die Vorteile, allerdings würden auch die Abhängigkeiten potenziell steigen. Bereits jetzt würden etwa die Preise für KI-Anwendungen nach oben gehen.  Soka-Bau-Vorstand Schneider sieht Vorteile gerade in Bezug auf den drohenden Fachkräftemangel. „Da wird uns die KI sicher helfen.“ Eher skeptisch ist er dagegen im Hinblick auf umfassend KI-gesteuerte Ansätze im Portfoliomanagement.